Reaktionen nach einer Vergewaltigung
Das eigene Verhalten, Gedanken und Gefühle können häufig besser verstanden und akzeptiert werden, wenn man weiß, wie andere Frauen auf eine Vergewaltigung reagieren. Aus diesem Grund geben wir folgende Übersicht über typische Reaktionen:

Schock
Häufig erleiden Frauen nach einer Vergewaltigung einen Schock. Sie können dabei äußerlich ganz ruhig und gefasst wirken oder aber zusammenbrechen und weinen. Andere wirken wie erstarrt, leer, verstört oder fühlen sich innerlich wie tot.

Gefühle und Gedanken
Viele Frauen empfinden Erniedrigung, Demütigung, Angst, Scham, Ohnmacht aber auch Hass und Wut. Das eigene Selbstbild ist nach einer Vergewaltigung oftmals geprägt von Gefühlen der Schuld („Ich bin schuld für das, was passiert ist“), Minderwertigkeit („Ich bin nichts wert“, „Niemand mag mich“), Hoffnungslosigkeit („Ich schaff das nicht“) oder zeugen von Aggressionen, die gegen die eigene Person gerichtet werden.
Einige Frauen behalten aus Scham oder aus Angst vor dem Täter die Erlebnisse für sich und ziehen sich von Freunden und der Familie zurück. Dabei wäre gerade jetzt die Unterstützung von lieben Menschen sehr wichtig.

Körperliche und psychische Veränderungen
Nach einer Vergewaltigung entwickelt jede Frau entsprechend ihrer Möglichkeiten eigene Bewältigungs- und Überlebensstrategien. Viele Frauen leiden aber auch noch nach Jahren unter psychischen und physischen Problemen, die sehr verschieden sein können. Häufig beschrieben werden:
  • Ohnmachtgefühle
  • Einschränkung des Selbstwertgefühls
  • Depressionen
  • Ängste (Verfolgungsängste, Angst vor Kontrollverlust etc.)
  • Selbstzerrstörungsimpulse
  • Essstörungen
  • Gefühle der Schwäche, Bedürftigkeit und Hilflosigkeit
  • Kontaktprobleme
  • Tiefgreifendes Misstrauen
  • Abgrenzungsprobleme
  • Sexuelle Probleme
  • Alpträume
  • Psychosomatische Beschwerden
  • Sucht (Alkohol- und Drogenmissbrauch)
  • Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen und anderen Lebensbereichen
Es gibt verschiedene Beschwerden, die alle Lebensbereiche einer betroffenen Frau ganz erheblich beeinträchtigen können. Dazu gehören:

1. Wiedererleben des traumatischen Ereignisses:
  • Wiederkehrende Erinnerungen oder Träume von dem Ereignis
  • Wiedererleben in Gefühl und Handeln
  • Starke psychische Belastung bei Konfrontation mit Dingen oder Gegebenheiten, die an das traumatische Ereignis erinnern
2. Ausbilden von Vermeidungsreaktionen:
  • Vermeiden von Aktivitäten, Orten, Menschen, die Erinnerungen an das Gewalterlebnis hervorrufen
  • Vermeiden von Gedanken, Gefühlen, Gesprächen, die mit dem Trauma in Zusammenhang stehen
  • Unfähigkeit, sich an wichtige Aspekte des Gewalterlebnisses zu erinnern
  • Vermindertes Interesse / verminderte Teilnahme an wichtigen Aktivitäten
  • Gefühl der Entfremdung / Losgelöstheit von anderen
3. Ständig erhöhte Erregung:
  • Große Schreckhaftigkeit
  • Schwierigkeit, ein- oder durchzuschlafen
  • Reizbarkeit oder Wutausbrüche
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Ständige Wachsamkeit
Egal wie ungewöhnlich und unverständlich Ihnen Ihr Verhalten, Ihre Gefühle, Ihre Gedanken erscheinen, sie sind eine vollkommen angemessene und „normale“ Reaktion, auf ein so massives Gewalterlebnis, wie Sie es erlebt haben!

Umwelt
Es geschieht häufig, dass betroffenen Frauen kein Glauben geschenkt wird und dass sie Vorurteilen und Verurteilungen ausgesetzt sind. Diese Tatsache stellt eine enorme zusätzliche Belastung dar, vor allem dann, wenn gleichzeitig das Verhalten des Täters bagatellisiert oder entschuldigt wird.

Vergessen Sie nicht:
Die Verantwortung für eine Vergewaltigung liegt ganz allein bei dem Täter. Niemals hat eine Frau die Schuld oder Mitschuld daran!

Unterstützung und Hilfe
Wichtig ist, dass Sie mit Ihren Erlebnissen nicht allein bleiben. Holen Sie sich Unterstützung und sprechen Sie mit einer Freundin oder einer anderen Ihnen vertrauten Person.

Wenden Sie sich an eine Frauenberatungsstelle in ihrer Nähe – wir unterstützen Sie!
Sexualisierte Gewalt / Vergewaltigung
In den letzten Jahren wird sexualisierte Gewalt gegen Frauen in einer immer breiter werdenden Öffentlichkeit thematisiert und diskutiert. Sie existiert in allen Lebensbereichen von Frauen und ist wesentlicher Bestandteil unserer Gesellschaft.

Viele Frauen kennen solche Situationen: Anmache auf der Straße, verbale sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, Telefonterror, sexualisierte Atmosphäre durch den Vater oder durch andere Personen, sexualisierte Übergriffe durch Ärzte, Lehrer oder Therapeuten, Vergewaltigung.

Jede vierte Frau ist mindestens einmal in ihrem Leben einem schweren Übergriff ausgesetzt gewesen. 80% der Täter kommen aus dem Bekanntenkreis und nur 20% sind Fremdtäter.
Jeder sexualisierte Übergriff, unabhängig vom Ausmaß der ausgeübten körperlichen Gewalt, ist für die Betroffene äußerst demütigend und verletzt ihr Selbstbild und Selbstwertgefühl. Am massivsten werden bei einer Vergewaltigung die psychischen und auch die körperlichen Grenzen durchbrochen.

Die Folgen variieren je nach Ausmaß der Gewalt, Zeitdauer, Anzahl der Täter und Lebenssituation der Frau zum Zeitpunkt der Vergewaltigung. Aber auch die bisherige Lebensgeschichte und individuelle Vorerfahrungen mit Lebenskrisen sind von großer Bedeutung.