25 JAHRE DACHVERBAND
Eine Rede zum Jubiläum des Dachverbandes der autonomen Frauenberatungsstellen NRW e.V., von Carla, Frauenberatungsstelle Gladbeck e.V.
DORTMUND | 01.06.2022

 

Frauenberatung der Zukunft

Vor 25 Jahren hat sich die Frauenberatungsarbeit in NRW zentraler organisiert. Freiraum für Kreativität, Austausch, gegenseitige Unterstützung und Inspiration wurde geschaffen. Auch wenn jede Frauenberatungsstelle individuell auf die Bedarfe der Frauen ihrer Stadt eingeht, bietet der Dachverband die Plattform dafür, das Gefühl der Gemeinschaft und Solidarität zu erhalten, die in diesem Kampf so existenziell sind.

Als neue Mitarbeiterin in der Frauenberatungsstelle Gladbeck, als Berufseinsteigerin und Altersgenossin des Dachverbandes – wurde ich gefragt: Wo siehst du die Frauenberatung in 25 Jahren?

Ich könnte jetzt erzählen: Alles erledigt! Liste abgearbeitet! Hier in der Zukunft, gibt’s gleiche Löhne für alle, keine Gewaltdynamiken mehr. Alle haben sich lieb und respektieren sich gegenseitig – als Mensch, unabhängig ihrer Geschlechtsidentität. Es gibt auf Bühnen, in der Politik, in Führungspositionen und bei Neugründungen ausgeglichene Anteile und keine genderspezifischen Jobs. Sexistische Werbung ist durch die Bank weg verboten und so verpönt, dass ohnehin alle abschalten würden. Es ist allen bewusst, dass Frau auch ohne Mann glücklich werden kann und dass es ihre freie Entscheidung ist, ob sie Mutter werden möchte (darüber sogar informiert werden darf!). Es gibt keine Femizide mehr. Alle reflektieren ihren Umgang miteinander – es ergeben sich ausschließlich Begegnungen auf Augenhöhe. Und alle wissen: Nein heißt nicht Ja

Aber ich bin eher optimistische Realistin. Und auch wenn es durch Hilfe zur Selbsthilfe das Ziel der Sozialen Arbeit ist, sich selbst überflüssig zu machen, bin ich dennoch dafür, dass wir unsere Existenz mal besser miteinplanen sollten.

Ich sehe die Frauenberatung 2047 als Leuchtturm dastehend. Stabil, abgesichert, hoch oben, für alle sichtbar. In jedem Ort, ob Dorf oder Großstadt, gibt es Frauenberatungsstellen. Die Bürgerinnen vor Ort wissen um diese und nutzen die Anlaufstelle als Treffpunkt, um sich zu organisieren. Unsere Arbeitsbereiche stehen in einem anderen Verhältnis. Da sind 30 % der Arbeitsauslastung, die interventive Beratung umfassen und damit dem gesunkenen Anteil an Frauen, die Gewalt erleben, gerecht werden und auch für gewaltferne Themen noch Raum zur Begleitung besteht. Während 70 % des Tages für Prävention genutzt werden können – eben, weil der Beratungsbedarf gesunken ist.

Wir schulen, informieren, klären auf. Inspirieren diverse Zielgruppen in Workshops, Veranstaltungen, durch Öffentlichkeitsarbeit, Ausstellungen und Diskussionsrunden zum Hinterfragen, zum Überdenken. Wir fördern das Selbstvertrauen und die Gefühle der Selbstwirksamkeit von Vulnerablen und reflektieren mit Privilegierten ihre Position. Wir führen die verschiedenen Zielgruppen zueinander und bieten Raum für offenen Austausch und Debatten, um nachhaltig zu bilden. Das Bündnis des DV, was wir schon erreicht haben, wird noch erweitert. Wir bauen unsere Lobby aus. Aus mitgemeint wird mitgedacht. Und aus mitgedacht wird mitgemacht.

Manch eine von euch, hält meine optimistisch realistischen Gedanken vielleicht für naiv, absurd oder wünscht sich etwas ganz anderes – ein reines Fortbestehen zum Beispiel, eine sicherere Finanzierung unserer Arbeit, bessere Bezahlung und mehr Stellen für den Workload, den die meisten von uns gerade lediglich mit viel Stress und hoher Belastung bewältigen. Das alles sind Wege, die auch ich gerne mitgehe. Nur träumen darf frau ja…

Und dafür bin ich Euch dankbar. Ohne Eure Arbeit in den letzten 25 Jahren und auch den Jahren vor dem Dachverband – ohne die Arbeit der Frauenberatungsstellen und den Initiativen der Frauenbewegung, hätte ich meine ersten 25 Jahre nicht so frei verbringen können.

Der Generationenwechsel, den viele Beratungsstellen, den der Feminismus aktuell durchlebt und der allen Parteien Kraft und Kompromissbereitschaft abringt, ist nicht immer organisch. Bei all den Querelen möchte ich mich aber von tiefstem Herzen dafür bedanken, was ihr für uns schon erreicht habt. Wir bauen auf euren Schultern. Ihr habt den Staub vom Patriarchat abgepustet – ihn sichtbar gemacht und angefangen die Gesellschaft zu verändern. Und jetzt liegt es an den kommenden Frauen und Mädchen weiterzumachen.

Wir alle machen das hier für die Frauen, die zu uns kommen, für uns selbst und zu einem großen Teil für die Frauen und Mädchen, die noch kommen werden. Weil wir die Weitsicht innehaben, die uns dieses Projekt „Abschaffung des Patriarchats“ mit all seinen Auswucherungen abverlangt. Weil wir die Notwendigkeit erkannt haben und unser Sinn für Gerechtigkeit uns die Kraft gibt uns tagtäglich mit diesen Wut-, Gewalt- und konfrontativen Themen zu beschäftigen.

Um es mit den Liedzeile von Maren Kroymanns Song „Das Ende des Patriarchats“ zu sagen:

„Das Patriarchat ist noch lang nicht vorbei, doch so wird’s nicht für immer sein.

Irgendwann sind wir dann alle so weit, und es herrscht Gerechtigkeit!

Wir bleiben dran!

Und zwar jeden Tag.

Bis Mann sich dann eines Tages fragt, das Patriarchat – Was war das nochmal?“

In diesem Sinne: Auf die nächsten 25 Jahre – wir bleiben dran!

 

 

PRESSEMITTEILUNG
Versorgungslücken nach Vergewaltigung schließen
Eine umfassende Erstbehandlung nach Gewalt muss sichergestellt sein. Der bff veröffentlicht Forderungen an die Politik und startet Social-Media Aktion mit Erfahrungen von Betroffenen.
BERLIN | 23.05.2022

Seit 2020 ist die Finanzierung der vertraulichen Spurensicherung nach sexualisierter und körperlicher Gewalt als Leistung der gesetzlichen Krankenkassen rechtlich verankert. Die vertrauliche Spurensicherung soll auch finanziert werden, wenn Betroffene keine polizeiliche Anzeige erstattet haben. Sie umfasst Dokumentation, Laboruntersuchungen und Aufbewahrung der Befunde. Eine Umsetzung des Gesetzes fehlt zwei Jahre später immer noch. Leider ist im Gesetz nur die Spurensicherung geregelt. Doch auch eine traumasensible und umfassende medizinische Versorgung nach sexualisierter und körperlicher Gewalt ist an vielen Orten nicht gegeben. Dazu Katharina Göpner, bff-Geschäftsführerin „Die Istanbul-Konvention ist geltendes Recht und verpflichtet Deutschland dazu, eine kostenfreie und flächendeckende Akutversorgung nach sexualisierter oder körperlicher Gewalt sicherzustellen, sonst ist die Gesundung von Betroffenen massiv gefährdet.“ Der bff veröffentlicht ein aktuelles Forderungspapier „Versorgungslücken schließen – medizinische Behandlung nach Vergewaltigung sicherstellen“, welches von Beraterinnen aus der Praxis erarbeitet wurde und die mangelnde medizinische Versorgung nach erlebter Gewalt in den Mittelpunkt stellt.
Begleitet wird die Veröffentlichung des Papers durch eine Social-Media Aktion mit Fallgeschichten von Betroffenen. Die weiteren Fälle zeigen wie die unzulänglichen Strukturen z.B. für Frauen mit Behinderungen oder ohne Krankenversicherung massive Auswirkungen haben.
Die medizinische, rechtsmedizinische und psychosoziale Versorgung von Betroffenen müssen Hand in Hand gehen. Betroffene von Gewalt brauchen rund-um-die-Uhr gut erreichbare Versorgungsangebote mit einem traumasensiblen, diskriminierungs- und barrierefreien Ansatz.

Hier finden Sie das ausführliche Papier mit Unterstützer*innen und Fallbeispielen.